»Vorsicht, Nachhaltigkeit!«

Über Nachhaltigkeit, die Macht der Sprache, Unberechenbares und Intuition

»Vorsicht, Nachhaltigkeit«

Es war ein Professors der New Yorker Columbia Universität: Er bekommt ein Angebot von einer rivalisierenden Universität. »Soll ich es annehmen oder hier bleiben?« Ein Kollege nimmt ihn beiseite und sagt: »Was ist denn Dein Problem? Mach doch das, was Du immer schreibst in Deinen Büchern. Berechne Deinen erwarteten Nutzen gemäß der moralischen Algebra!« Erschöpft antwortet der Professor: »John, das ist ernst jetzt!«
(Aus der Praxis im Buch »Bauchentscheidungen« von Gerd Gigerenzer: dt. Psychologe; Direktor Emeritus, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung; Direktor: Harding-Zentrums für Risikokompetenz, Universität Potsdam.)

Was hier wie ein Paradebeispiel aus dem akademischen Elfenbeinturm klingt, in dem »der Herr Professor wieder einmal mit seinen intellektuellen Höhenflügen am Boden der Tatsachen gescheitert ist«, hat mit nachhaltiger Praxis mehr zu tun, als uns bewusst ist. Denn sowohl intellektuelle Höhenflüge als auch der Boden der Tatsachen haben eine mitunter folgenschwere Distanz zur Mitte der Nachhaltigkeit: dem Bauch – und seinen Entscheidungen.

Aber fangen wir wie immer mit dem Kopf an. Er arbeitet gerne mit lückenlos berechenbaren Daten. Daten, die er auf dem Boden vermeintlicher Tatsachen sammelt, berechnet und daraus Formeln ableitet. Diese Berechnungen sagen ihm, was als nächstes zu tun ist. Wir kennen das als Kausalität: die Gedankenlinie von der Ursache zur Wirkung: »Wenn dies vorher so, dann das nachher so.« Während der Kopf diese Linie von links nach rechts abläuft und berechnet. So entscheidet unser Kopf rational. Der Begriff der Ratio gründet in calculatio: (be)rechnen.

Und dann kommt sie – die Nachhaltigkeit. Wie die Vorsilbe »NACH-« schon andeutet, entscheidet sich Nachhaltigkeit an Daten und Wirkungen, die heute noch nicht vollständig sichtbar und kalkulierbar sind: VOR-her. Nachhaltigkeit beginnt hinten, rechts auf der Linie. Sie arbeitet mit Formeln, die heute noch Lücken haben. Das liegt in der Natur der Sache. Denn wir wissen heute noch nicht, welche Auswirkungen der Klimawandel von morgen haben wird, wir wissen heute noch nicht, welche Auswirkungen unsere Erfindungen & Erkenntnisse von morgen haben werden. Kurz: Wir kennen heute noch nicht unser Wissen von morgen. Sonst wäre es nicht mehr das Wissen von morgen. Sonst wäre unser Wissen von heute zu Ende. Es gäbe kein neues Wissen mehr – nichts mehr zu lernen.

Nachhaltiges Bewusstsein

Wenn wir uns dieses Stück Unberechenbarkeit von heute eingestehen, hat das Konsequenzen und muss bei unseren Entscheidungen zur Nachhaltigkeit berücksichtigt werden. Denn die meisten nachhaltigen Entscheidungen für morgen resultieren aus unserem Wissen von heute. Aus einem Wissen also, das heute noch nicht lückenlos beweisbar ist. Natürlich haben wir heute schon Daten. Gute Daten für vieles, was wir tun und vor allem, was wir nicht tun sollten. Aber wir haben auch Lücken. Und wir wissen heute noch nicht, wo. Um diese Lücken zu füllen, braucht es mehr als den Kopf und die bewusste Intelligenz der linearen, kausalen »Wenn-Dann-Logik«: Wenn heute so, dann morgen so. Ja, wenn wir heute schon alles über morgen wüssten, gäbe es den Begriff Nachhaltigkeit gar nicht. Es gäbe nur Fakten und eindeutig berechenbares Wissen, nach dem wir zielgerichtet handeln müssten. Aber:

»Wer die Zukunft plant, muß Prognosen wagen, aber er kann unmöglich zukünftiges Wissen vorhersagen, und so muß er in seinem Plan das heutige Wissen festschreiben. Nur die nächste und die fernste Zukunft können wir einigermaßen sicher vorhersagen: die allernächste Zukunft wird wahrscheinlich so ähnlich sein wie die Gegenwart, und die fernste Zukunft kennen wir auch: wir wissen, daß wir alle in ferner Zukunft mitsamt unserem schönen Planeten nicht mehr da sind. Aber das hilft uns nicht weiter. (…) Was dazwischen liegt, ist das, was uns eigentlich interessiert, und das läßt sich nun gerade nicht vorhersagen.« (Karl Popper)

Nachhaltigkeit braucht also neben Wissen vor allem Mut! – Mut nicht nur zum nachhaltigen Handeln. Sondern den Mut, Entscheidungen in Wissenslücken hinein zu entscheiden. Wie können wir heute so handeln, dass es morgen nachhaltig sein wird? Wir wissen es nicht genau. Wir haben nur Ahnungen, Tendenzen. Denn, und das sollten wir nicht vergessen: Nichts ist (heute schon) nachhaltig! Keine Handlung, keine Architektur ist nachhaltig. Nachhaltig wird sein, was sich im Kontext unseres Wissens und berechenbarer Fakten von morgen als nachhaltig erweisen wird. Jede Nachhaltigkeit von heute basiert auf Vermutungen und Prognose: auf Wissenslücken.

Damit holen wir Nachhaltigkeit aus dem Elfenbeinturm und knüpfen an das Paradebeispiel des Professors vom Anfang dieses Essays an. Denn auch hier geht es um das Zusammenspiel von berechenbaren und unberechenbaren Daten, von bewusster und unbewusster Intelligenz, von Kopf- und Bauchentscheidungen: von Wissen und Intuition.

Die Schwierigkeit mit nachhaltigen Entscheidungen

Nun haben Entscheidungen mit Wissenslücken - also intuitive Entscheidungen - in unserer modernen Erfolgswirtschaft, die alles berechnen können muss, wenig Platz. Denn wenn nach einer Entscheidung, die sowohl auf Wissen als auch auf Intuition beruht, etwas schief geht, ist der Erklärungsnotstand groß. Und so vermeidet unser Erfolgsdruck möglichst jede Spur von Unberechenbarkeit. Eine Folge: Man geht lieber den zweitbesten, aber berechenbaren Weg. Entweder so – weil vollständig kalkulierbar – oder zu riskant.

So fragte Gerd Gigerenzer zahlreiche Topmanager, wie viele ihrer letzten zehn Entscheidungen intuitiv, also mit Wissenslücken, nicht vollständig berechenbar waren. Im Durchschnitt waren es drei. Aber das würden sie nie zugeben. Denn geht bei einer intuitiven Entscheidung etwas schief, gibt es statt Rechtfertigung die Kündigung. Lösung: Nach intuitiven Entscheidungen werden Spezialisten engagiert, Berater. Die formulieren die ursprüngliche Intuition sprachlich so um, als hätte es nie Wissenslücken gegeben. Als ob heute alles berechenbar wäre.

Im Management würden daher viele Entscheidungen defensiv getroffen. Eine defensive Entscheidung werde getroffen, wenn man Angst vor den beruflichen Konsequenzen einer intuitiven Entscheidung habe. Stattdessen wird eine zweitrangige, aber linear-logische und vollständig vorhersehbare Wenn-Dann-Entscheidung getroffen. »Sicher ist sicher«. Auch wenn die intuitive Entscheidung wahrscheinlich besser gewesen wäre.

Was hier tendenziell unterdrückt wird, ist der Mut zu unserer unbewussten Intelligenz, zur Intuition. Der Mut zur Prognose und zum Risiko des eigenen Weges, der unser heute bewusst berechenbares Wissen erweitert; der Mut zur Innovation und das Rückgrat, zu seinen lückenhaften, aus Erfahrung gespeisten Entscheidungen zu stehen; der Mut, sich gegebenenfalls nicht rechtfertigen zu können – weder mit Daten noch mit Sprache. Kurz: Unserem schwarz-weißen Erfolgsanspruch auf die Sicherheit vollständig berechenbarer Daten fehlt der Mut für’s Blaue: zu Entscheidungen auch ins ungewissen aber mögliche Blaue. Ein Blaues, das dort beginnt, wo das heute schon Berechenbare endet. Rechts von unserer Kopflinie, die nicht mehr das Ende der Wirkung, sondern ihren Anfang markiert. Denn Nachhaltigkeit darf nicht nur als Wirkung von morgen verstanden werden. Sie muss auch zur Ursache der Wirkung von übermorgen werden.

Vorsicht, Nachhaltigkeit!

Nun, für eine Wissenskultur wie die unsere ist das die bittere Pille: Entscheiden & Handeln ohne vollständiges Wissen. Lückenhafte Handlungsmotive werden von uns nicht nur kaum akzeptiert. In unserer erfolgsorientierten Wirtschaftskultur werden sie nicht einmal toleriert. Das zeigt sich bereits im Kleinen. Schon in Worten wie Nachhaltigkeit oder ihrem entscheidenden Faktor Emergenz. Worte, die uns im Nachhaltigkeitsdiskurs leiten, indem sie uns durch ihre bloße Existenz Wissen von Morgen vortäuschen. Obwohl auch diese Worte unsere Wissenslücken von heute nur sprachlich schließen können: nicht aber empirisch.

Und doch glauben wir, weil wir das Wort kennen, es zu verstehen und zu wissen, was zu tun ist. So schreibt Werner Heisenberg, dass wir, wenn wir ein Wort oft genug gebrauchen, mehr oder weniger glauben, genau zu wissen, was es in der Praxis bedeutet. - Mehr noch. Worte haben die Macht, so zu tun, als stünden sie für die Praxis. Als gäbe es mit ihnen nichts Unberechenbares mehr, kein Nichtwissen. Ganz nach dem Motto der konstruktivistischen Sprachkritik: »Da steht’s, jetzt wissen wir’s.« - Hauptvertreter dieser Suggestion: Schlagwörter.

»So wirken Schlagwörter allemal um so weiter, je weniger sie verstanden werden; und die Parteien zerfallen, sobald sie sich ihr Schlagwort klarmachen wollen.«
Heymann Steinthal: Grammatik, Logik und Psychologie

Wenn wir es also wirklich ernst meinen mit der Nachhaltigkeit, dann gilt für jeden Diskurs über Nachhaltigkeit, für Texte und Projektbeschreibungen – vor allem aber für den Entwurfs- und Planungsprozess, der sich mit und durch Sprache in unseren Köpfen formt und rechtfertigt: »Vorsicht, Nachhaltigkeit«.

Statt sich wie gewohnt auf unsere linear berechenbare, automatisierte Sprache zu verlassen, die uns praktisches Wissen durch Wortwissen suggeriert, erfordert der unberechenbare Anteil der Nachhaltigkeit ein verändertes Bewusstsein. Hier hilft der Rat des Pulitzer-Preisträgers Douglas Hofstadter: »Wenn die Dinge kompliziert genug sind, wirst du gezwungen, die Ebene zu wechseln, auf der du sie beschreibt.«
Vor allem in der Architektur
Diese Vorsicht mit Sprache und Schlagwörtern gilt in der Architektur ganz besonders. Denn die Sprache ist der Architektur extrem nahe. Eine Nähe, die Noam Chomsky zu seinem Buch »Die Architektur der Sprache« inspiriert hat. Eine formale Baugleichheit, die Sprache für Architekten so attraktiv macht. Die ihnen in ihrer formalen Kunstfertigkeit und Präzision tendenziell genug zu sein droht: spätestens dann, wenn das Ergebnis sprachlich präsentiert und gerechtfertigt wird. - »Vorsicht! Nachhaltigkeit«.

Konsequenz für den nachhaltigen Prozess

Dieser Versuchung der formalen Sprache zu entkommen, muss Teil der architektonischen Praxis sein. Es braucht ein Bewusstsein für den Anteil der Sprache an unseren Prozessen und Ergebnissen. Ein Bewusstsein, das immer wieder reaktiviert werden muss, um unsere unbewusste Sprachautomatisierung zu durchbrechen. Ein Bewusstsein dafür, dass das Wissen um das richtige Wort und den richtigen Text über Nachhaltigkeit uns noch lange nicht nachhaltig macht. Dass das formale Wissen um berechenbare Worte keine Lücken in (noch) unberechenbaren Strukturen schließen kann. – Man kann nur nachhaltig handeln. Worte können das ebenso wenig, wie eine Posaune die Mauern von Jericho zum Einsturz bringen konnte. Was diese Erkenntnis vor allem für die Nachhaltigkeit bedeutet, hat kaum jemand treffender beschrieben als der Mathematiker Hans Hahn: »In der Sinnwelt finden wir viele Pferde - aber es gibt nur einen Begriff 'Pferd'; ein Pferd der Sinnwelt wird geboren, ist erst jung, dann wird es alt, dann stirbt es - der Begriff 'Pferd' aber wird nicht geboren, wird nicht alt, stirbt nicht; die einzelnen Pferde der Sinnwelt bewegen sich, verändern sich, entstehen, vergehen - der Begriff 'Pferd' aber ... ist dem Werden und Vergehen nicht unterworfen.«

Schlussfolgerung

Nachhaltigkeit beginnt mit dem Mut, eigene Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen. Mit dem Mut, sich auch auf das einzulassen, was noch nicht vollständig berechenbar ist: Intuition aus Erfahrung. Und das vor allem, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Denn Intuition und Innovation sind zwei Seiten einer Medaille. Beide zielen auf etwas, das heute noch nicht in unseren Köpfen sein kann. – Damit verlangt Nachhaltigkeit etwas, das der Operationsweise von Sprache und Text widerspricht: kaum oder gar nicht formulierbare Handlungsentscheidungen mit Wissenslücken.

Kurzum: Nur durch die bewusste Verbindung von Berechenbarem und Unberechenbarem, mit einem auch kritischen Verhältnis zur Sprache und ihren generalisierten Formalismen und Schlagworten, werden spezielle Entscheidungen über nachhaltige Strukturen zu ethischen Handlungen und Nachhaltigkeit zum Verb.